Projekt


Niederschwelliges Schulungsmodul zur beruflichen Orientierung

Entwicklung und Evaluation eines indikationsübergreifenden Schulungsmoduls zur beruflichen Orientierung in der medizinischen Rehabilitation mit niederschwelligen Zugang
Verbund Bayern
Projektleiter
PD Dr. med. Dr. phil. Andreas Hillert
Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Manfred E. Beutel
Mitarbeiter Koch
S. (1)
Luckmann
J. (3)
Zwerenz
R. (2)
(1) Medizinisch-Psychosomatische Klinik Roseneck
Prien am Chiemsee
(2) Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
(3) Institut für Medizinische Psychologie der Phillips-Universität Marburg/Lahn
Laufzeit 01.05.2005 bis 31.10.2007
Indikationen Kardiologie
Orthopädie
Themen berufliche Belastungen
berufliche Rehabilitation
berufliche Reintegration
Evaluation eines berufsbezogenen Schulungsmoduls
psychosomatische Rehabilitation
Umsetzungsprojekt
Das Schulungsmanual zum "Gesundheitstraining Stessbewältigung am Arbeitsplatz (GSA)" steht als PDF-Datei zum Download zur Verfügung.
Manual Gesundheitstraining am Arbeitsplatz


Hintergrund
In der somatischen Rehabilitation besteht zunehmender Bedarf an berufsbezogenen Behandlungsangeboten, welche die symptombezogenen Therapiemethoden ergänzen, um die Erwerbsfähigkeit zu erhalten bzw. eine berufliche Wiedereingliederung der Patienten zu fördern. Die berufliche Reintegration ist ein Hauptziel der medizinischen Rehabilitation.

Es existieren verschiedene theoretische Modelle, die psychosoziale Belastungskonstellationen im Berufsleben in Zusammenhang mit Gesundheit (z.B. als Risikofaktoren für Herz-Kreislauferkrankungen) bringen. Subjektive Patienteneinschätzungen bezüglich ihrer Rückkehr ins Berufsleben spielen eine wesentliche Rolle in der Vorhersage von return-to-work.

Ziele und Fragestellungen
Die vorliegende Studie zur Evaluation eines berufsbezogenen Schulungsmoduls ("Gesundheitstraining Stressbewältigung am Arbeitsplatz - GSA") für die stationäre medizinische Rehabilitation untersucht u.a., ob durch die Teilnahme an der berufsbezogenen Schulung eine nachhaltige Veränderung berufsbezogener Einstellungen und eine Verbesserung der beruflichen Reintegration erreicht werden kann.

Studiendesign
Im prospektiven Kontrollgruppendesign wurden alternierend beruflich belastete Patienten, die im "Würzburger Screening" die Einschlusskriterien erfüllen, in Zeitblöcken (A-B-A-B) der Interventions- (GSA-Schulung zusätzlich zur Rehabilitationsbehandlung) oder der Kontrollphase (klinikübliche Rehabilitationsbehandlung) zugewiesen.

Teilnehmer an der Studie wurden bei Aufnahme, Entlassung sowie postalisch sechs Monate nach Entlassung mit standardisierten Verfahren zu soziodemographischen, berufs- (z.B. ABB, FBTM, AVEM) und gesundheitsbezogenen (z.B. HADS, SF-12) Merkmalen befragt. Die Evaluation erfolgte anhand von Gruppenvergleichen bei Entlassung sowie 6 Monate nach Entlassung.

Insgesamt nahmen n = 584 Patienten in den sechs Kliniken an der GSA-Schulung teil und wurden mit n = 784 Patienten, die das klinikübliche Rehabilitationsprogramm absolvierten, verglichen. Bis auf wenige Merkmale waren die Untersuchungsgruppen vergleichbar.

Ergebnisse
Nach GSA-Teilnahme wie auch nach der Standard-Rehabilitation konnten vergleichbar gute berufliche Wiedereingliederungsquoten (um 90%) erreicht werden. Gegenüber Patienten der Kontrollgruppe (Standard-Rehabilitationsprogramm) wiesen Teilnehmer der GSA-Schulung eine günstigere Entwicklung von Mustern der Arbeitsbewältigung (Zunahme der gesundheitsförderlichen Bewältigungstypen im AVEM nach GSA) auf. Ebenso konnte eine gute Akzeptanz der psychotherapeutisch fundierten GSA-Schulung bei einer signifikant verbesserten berufsbezogenen Behandlungszufriedenheit bei den Interventionsteilnehmern beobachtet werden. Bezüglich des beruflichen Belastungserlebens und der sozialmedizinischen Beurteilung konnten keine differenziellen Behandlungseffekte beobachtet werden.

Der Vergleich der berufsbezogenen Behandlungszufriedenheit in den beiden Indikations-gebieten (Orthopädie vs. Kardiologie) zeigt auf, dass die berufsbezogene Schulungsgruppe GSA eine tendenziell höhere und zudem konsistentere Aufwertung der stationären Rehabilitationsbehandlung bewirkte. In der Kardiologie wiederum fiel die Erwerbsprognose insgesamt etwas ungünstiger aus. Auch die AVEM-Typenentwicklung, insbesondere was die hochrelevante Abnahme von B(urnout)-Mustern betrifft, war bei orthopädischen Patienten günstiger.

Diskussion/Ausblick
Daraus, dass die beruflichen Behandlungseffekte in erwartungskonformer Richtung insgesamt nur moderat ausfielen, ergeben sich Implikationen in verschiedene Richtungen. Insbesondere fällt auf, dass in den orthopädischen Kliniken überwiegend beruflich gering belastete Patienten an dem Projekt teilgenommen haben. Durch deren vergleichsweise gute berufliche Einbindung waren diesbezügliche Verbesserungen von vornherein limitiert (Deckeneffekt). Offenbar gab es eine sich zwar nicht in den Daten, wohl aber in den mündlichen Berichten aus den Kliniken spiegelnde Selektion, wobei beruflich hoch belastete Patienten die Teilnahme am Projekt eher vermieden haben. Aus dem von den Förderern erwünschten "niederschwelligen Zugang" resultiert somit ein Kriterium, das konzeptuell einen Wirksamkeitsnachweis auf der Ebene beruflicher Reintegration erschwert. Darüber hinaus bleibt offen, ob und inwieweit eine Erhöhung der Therapiedosis bei einem entsprechend höher belasteten Kollektiv sinnvoll und erforderlich wäre. Zudem belegen die Ergebnisse von Vorgängerprojekten, dass sich u.a. berufliche Wiedereingliederungsmaßnahmen erst im längerfristigen stationären Verlauf vollziehen und entsprechend längere Katamnesezeiten nötig wären um hier Gruppenunterschiede nachweisen zu können.

Insgesamt wurde das GSA-Modul von den Patienten positiv aufgenommen und hat sich im klinischen Kontext als gut praktikabel erwiesen. Hinsichtlich der Frage der therapeutischen Wirksamkeit des GSA-Moduls liegt es nahe, dieses über den niederschwelligen Zugang hinaus gezielt bei beruflich höher belasteten Patienten, vorzugsweise in der Orthopädie, einzusetzen und ebendort mit zumindest 12-monatiger Katamnesedauer zu evaluieren.

Relevanz für die Reha-Praxis
Das manualisierte Schulungsmodul "Gesundheitstraining Stressbewältigung am Arbeitsplatz -GSA" und dessen Umsetzung in der Praxis wurde von den durchführenden Therapeutinnen und Therapeuten der einzelnen Reha-Einrichtungen allgemein als sehr praktikabel eingeschätzt. Einschränkend wurde der inhaltliche Umfang des Manuals im Zusammenhang mit der zeitlichen Begrenzung auf 5 Sitzungen à 90 Minuten genannt. Die Fülle an Arbeitsmaterialien und -blättern wurde für die zur Verfügung stehende Zeit als zu umfangreich zurück gemeldet. Patienten empfanden die einzelnen Sitzungen als inhaltlich "zu gedrängt" und die durchführenden Therapeutinnen und Therapeuten äußerten teilweise, dass sie das Gefühl hatten, das Manual zum GSA im zeitlich gesetzten Rahmen "abarbeiten" zu müssen. Zukünftig werden in den Kliniken einzelne Materialien bzw. Arbeitsblätter weiter in Gruppenprogrammen zur Stressbewältigung bzw. in Einzelgesprächen eingesetzt, die Umsetzung des Manuals mit seinen vollständigen Inhalten ist meist jedoch nicht möglich. Gründe dafür liegen zum einen in der inhaltlich und zeitlich unterschiedlichen Konzeption der Stressbewältigungsgruppen in den Kliniken sowie den gegebenen strukturellen Rahmenbedingungen der Reha-Einrichtungen.

Die umfangreichen und konstruktiven Rückmeldungen der durchführenden Therapeuten können bei einer Überarbeitung des Manuals zur Umsetzung in die Rehabilitationspraxis berücksichtigt werden. Aus dem Projekt geht somit ein indikationsübergreifendes berufsbezogenes Manual hervor, das den Förderern zu Verfügung gestellt werden soll. Darüber hinaus wäre eine gemeinsame Publikation des Behandlungskonzepts wünschenswert.



Letzte Änderung: 23.11.2012